Sehr geehrter Herr Josel,
es gibt viele starke und gut begründete Vorbehalte in großen Teilen der Bevölkerung zu einem ICE-Werk bei Feucht und Harrlach. Wir fassen diese noch einmal zusammen und wählen hierzu wegen der gesellschaftlichen Relevanz die Form des Offenen Briefs.

Wald ist Klimaschutz und Klimaschutz ist Menschenschutz
Die Wichtigkeit des Walds in Zeiten des Klimawandels ist unbestritten. Es werden dazu bei internationalen Konferenzen, z. B. der Weltklimakonferenz und dem Weltnaturgipfel national rechtlich verbindliche (!) Beschlüsse gefasst. Es gibt Europarichtlinien und das Bayerische Waldgesetz.

Alle drei Standorte liegen im Bannwald und sind großteils Natura 2000 Schutzgebiete. Es würden also verbindliche Beschlüsse unterlaufen bzw. nicht umgesetzt. Im Bayerischen Waldgesetz ist geregelt, dass Bannwald „unersetzlich“ ist und „erhalten werden muss“. Gesetze werden gemacht, damit sie eingehalten werden. Stattdessen suchen Sie nach Schlupflöchern. Ohne Rücksicht auf Mensch und Natur.

Reisen und CO2-Ausstoß
ICE-fahren ist per se nicht klimafreundlich. (Fast) CO2-frei sind Reisen zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Alles andere ist mehr oder weniger schädlich. ICE-fahren beruhigt vielleicht das Gewissen, aber die CO2-Bilanz ist bei weitem nicht so gut, wie von der DB behauptet weil die Bahn-Infrastruktur mit einberechnet werden muss: Riesige Mengen Stahl und Beton für Eisenbahngleise, -trassen, -brücken, -tunnel und Strommaste. Straßen hingegen werden von PKW, LKW und Fernreisebussen gleichermaßen genutzt. Und diese Verkehrsmittel werden immer schadstoffärmer. Der Vorsprung der Bahn, wenn es ihn überhaupt geben sollte, wird wegen des technischen Fortschritts schnell verschwinden. Der Wald ist dann aber schon geopfert.

Fehlende Kommunikation und Transparenz
Sie loben oft und gerne Ihre Kommunikation und Ihre Transparenz. Sehr zu unrecht.
Zur Verdeutlichung eine Auswahl von Fragen, zu denen Sie die Antworten bis heute schuldig geblieben sind:
– Wo bleiben die im Jahr 2021 zugesagten Ergebnisse der Lärmuntersuchungen zu den nächtlichen Huptests?
– Welche Erdbewegungen sind in Feucht erforderlich und wie wirken sich diese auf die im Boden befindlichen Sprengstoffe aus?
– Welche zusätzlichen Straßen sind geplant für Belieferung und Entsorgung? Ihr Projektleiter behauptete dieser Tage allen Ernstes, es gäbe durch das ICE-Werk kaum mehr Straßenverkehr in der Umgebung.
– Welche Gleise müssen für den Anschluss an das Schienennetz gebaut werden und wo verlaufen sie?
Diese und andere Fragen stellen wir immer wieder. Konkrete Antworten gibt es keine, man wäre mit den Planungen noch nicht so weit. Nach meiner jahrzehntelangen beruflichen Erfahrung ist das eine unglaubwürdige Schutzbehauptung.
Andere Beispiele von Ihrer Projekt-Homepage:
– Dort findet sich ein Symbolbild, der Blick über das ICE-Werk in Frankfurt-Griesheim. Das gezeigte Werk ist ganz offensichtlich sehr viel kleiner und nicht mitten im Wald. Das ist Manipulation, keine Information!
– Der Slogan „Klima schützen. Umwelt schonen. Deutsche Bahn“ mutet geradezu zynisch an. Wald-zerstörung ist für Sie umweltschonend?
– Die Aussage „Das neue ICE-Werk muss möglichst nah am Hauptbahnhof Nürnberg liegen,…“ ist eine von Ihnen selbst aufgestellte These. Damit engen Sie die Suche nach dem bestmöglichen Standort unzulässig ein. Was, wenn das dort nicht zulässig ist, oder zu teuer oder zu lange dauert? Fahren dann keine Züge mehr ab und nach Nürnberg? Wird dann der Deutschland-Takt abgesagt? Natürlich nicht! Also: These widerlegt. QED. Oder vertrauen Sie darauf, dass im nachfolgenden Planfeststellungs-verfahren das Eisenbahnbundesamt (!) Ihre Pläne gegen alle Widerstände durchwinkt?

Alternativvorschlag: Standort München Flughafen

Wir wissen von dem Vorschlag, das ICE-Werk nicht bei Nürnberg, sondern in München auf dem Gelände der auf Eis gelegten dritten Startbahn des Flughafens zu bauen. Dieser Vorschlag ist sowohl der Bayerischen Landesregierung als auch dem Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestags bekannt. Damit wäre kein Raubbau an der Natur erforderlich, ausreichend Fläche ist vorhanden und es gäbe Synergien mit einem vorhandenen Instandhaltungswerk und ein starkes Signal für eine sinnvolle Maßnahme der Mobilitätswende. Wie stellen Sie sich dazu? Bisher: Schweigen im Walde.

Auch bei anderen Projekten der DB Fernverkehr gibt es gravierende Beschwerden

Bei der Anbindung an den Brenner Basistunnel beklagt der dortige Landrat Niedergesäß (CSU) Ihre „Arroganz und Ignoranz“ und dass Sie sich über „gemeinsame Vorschläge von Kreistag, Gemeinden, engagierten Bürgern und Landwirtschaft … hinwegsetzen“ und Sie würden sich sogar gegen die Regierungsfraktion des Bayerischen Landtags stellen. (Quelle: Münchner Merkur)

Bei dem geplanten Neubau einer ICE-Trasse Hamburg-Hannover wird Ihnen vom renommierten Bundestagsabgeordneten Grosse-Brömer (CDU) „fehlende Transparenz“ und „unverantwortliche Vorgehensweise“ vorgeworfen. Die Bahn würde „Vertrauen verspielen“ und „dem gesellschaftlichen Zusammenhalt schaden“. (Quelle: focus.de)

Starker Tobak! Ähnliches haben wir auch erlebt. Unser Landrat Eckstein, ein allseits anerkannter, erfahrener und besonnener Manager des Landkreises, hat in für ihn eher ungewohnt deutlichen Worten schon vor Monaten die Qualität der von Ihnen vorgelegten Unterlagen bemängelt, die fehlende Transparenz im Auswahlprozess beklagt und eine Neuaufnahme gefordert. Bislang vergeblich.
Gegen die drei Standorte liegen der Regierung von Mittelfranken über 20.000 Einwendungen aus der Bevölkerung vor. Das sind nicht nur ungewöhnlich viele, sondern auch substantiell wichtige, denn die Bewertung nimmt mehr Zeit in Anspruch, als vorgesehen. All das darf von Ihnen nicht ignoriert werden.

Der Giftgas-Sarkophag und das darin lagernde Kampfgas aus dem 2. Weltkrieg
Ein wichtiges und ungelöstes Problem ist der sog. Giftgas-Sarkophag, der genau zwischen den beiden Flächen Muna und Südlich davon/Jägersee liegt. Ihre Pläne gehen davon aus, dass es unkritisch sei, bis auf wenige Meter daran Gleise zu verlegen und Bauten zu errichten. Ihr Projektleiter verstieg sich dieser Tage sogar zu der Aussage, das sei nicht in der Verantwortung der DB, weil außerhalb des Bewertungsraums der DB und damit sei die staatliche Eigentümergesellschaft zuständig. Doch, Herr Josel, es ist Ihre Verantwortung! Es wären Ihre Baumaßnahmen und Ihre Züge, die Erschütterungen verursachen und den aufgeworfenen Erdhügel mit zwei Seitenwänden und Lehmabdichtung nach unten beschädigen! Mit unabsehbare Risiken für tausende von Anwohnern und zwei Kliniken. Allein dies disqualifiziert die Standorte Muna und Jägersee. Tun Sie nicht so, als ginge Sie das nichts an!

Klimawandel im Raum Nürnberg
Auch das war 2022: Warnung vor Waldbrandgefahr im Frühling, brutale Hitze und schlimme Trockenheit im Sommer, an Silvester 18 Grad. Was ein ICE-Werk daran ändern würde? Nichts? Doch: Der vernichtete Wald kann die Luft nicht mehr kühlen und reinigen und kein Wasser speichern. Im Wald und dem Waldboden wird CO2 nicht mehr auf natürliche Weise gespeichert und bei der Photosynthese wandeln die Pflanzen schädliches CO2 nicht mehr in Sauerstoff um. Das Werk im Bannwald würde also die Lebensbedingungen verschlechtern und wäre klimaschädlich!

Finden Sie endlich einen Standort, der ökologisch und gesellschaftlich vermittelbar ist. Die vorliegende Planung dagegen wird weiter auf Widerstand treffen.

Mit freundlichem Gruß

gez. Andreas Teichert, Stellvertretender Vorstand Reichswald bleibt e. V.

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