Im Spätherbst, das gehört zum Grundschulstoff, bereiten viele Tierarten ihr Winterquartier vor.
Besonders diejenigen, die in den kalten Monaten ihre System herunterfahren, vertragen jetzt
Störungen noch weniger als sonst. Fledermäuse zum Beispiel, und mehr noch als andere, halten sie
doch in wenigen Wochen wirklichen Winterschlaf (oder besser ‚Winterlethargie‘) und keine
Winterruhe wie etwa Bären.
Das heißt: In diesen letzten Wochen, in denen es noch Insekten gibt, gehen Fledermäuse aufs Ganze
und fressen bis zu einem knappen Drittel ihres Körpergewichts als Vorrat für den Winter an, ehe sie
in ihren Winterquartieren die Herzfrequenz herunterfahren auf mitunter nur 10 Schläge pro Minute
(von zuvor etwa 600), die Körpertemperatur auf drei bis fünf Grad regulieren und auch die Atmung
stark verlangsamen. Fledermäuse nehmen weiterhin wahr, was um sie herum passiert, und doch
wachen sie kaum auf in den kommenden Monaten, und wenn, dann nicht, um zu fressen. Welche
Insekten sollten sie auch jagen im Winter.
Wachen sie doch auf, geht das auf Kosten ihrer Reserven. Schon aus ganz normalen Wintern
kommen Fledermäuse mit deutlich geringerem Körpergewicht. Werden sie mehrmals gestört oder
mussten gar währenddessen umziehen, wirkt sich das aus, und es braucht kein Expertenwissen, um
die Folgen zu ahnen.
So wie auch die Information über die Gewohnheiten der heimischen Fledermausarten kein
Staatsgeheimnis sind. Was oben steht, ist den betreffenden Seiten des Bund Naturschutz und des
NABU entnommen, im letzten Fall dessen nordrhein-westfälischer Interpräsenz. Doch dort dürfte die
gegenwärtige Jahreszeit genauso die sensibelste für Fledermäuse sein wie in Bayern.
Kurz gesagt, nach dem 1. Oktober stört man sie nicht mehr. Nicht in NRW, nicht in Bayern, nicht auf
der MUNA.
Das weiß auch die Deutsche Bahn. In den Gutachten, die sie selbst dem Raumordnungsverfahren
zum ICE-Werk vorlegt, sind gut 75% des MUNA-Gebiets als „wertvoller Lebensraum“ von gesichert
vorkommenden Fledermausarten vermerkt, darunter Arten wie Deutschlands größte Fledermausart,
der Große Abendsegler, oder besonders bedrohte wie die Mopsfledermaus. Dieser Art wird zudem
eine besondere Empfindlichkeit gegenüber Raumeingriffen bestätigt. Durch das Auftragsgutachten
der Bahn selbst, nicht nur auf Internetseiten von Naturschutzorganisationen.
Ihr Winterquartier haben Fledermäuse gerne kühl, auf jeden Fall aber trocken und weitestgehend
frostfrei. Manche Arten bevorzugen verlassene Spechthöhlen (und Spechte gibt es auf dem MUNAGelände nebenbei auch in bemerkenswerter Vielfalt), andere Höhlen, Keller, Stollen oder Bunker.
Richtig. Bunker.
Dass nun ausgerechnet in dieser Jahreszeit die Deutsche Bahn schweres Gerät auf der MUNA
auffahren lässt und Bunker anbohrt, ist dreist. Auch wenn die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben
(BIMA) als Treuhänderin dieses Gebiets grünes Licht für diese Untersuchungen gab, und das vor der
Antragstellung, auch wenn die oberste Naturschutzbehörde in Ansbach dies wissentlich erlaubt hat,
auch wenn im Feuchter Rathaus vom „guten Recht“ der Bahn die Rede ist. Nicht alles, was rechtens
ist, ist auch vertretbar. Oder gar anständig.
Wobei: Die Bahn und die oberste Naturschutzbehörde schließen Beeinträchtigungen der
Fledermauspopulationen auf der MUNA aus. Wie das? Die Tiere sind in der Hochphase des
Fettreservenprojekts für den Winter. Wie will man ausschließen, dass sie gerade jetzt erheblich
gestört werden?
Aber halt: Man bohre die Bunker ja extra deshalb von oben an, nicht von der Seite, um keine
Einflugnischen für Fledermäuse zu schaffen. Kann man verstehen – über jede zusätzliche Fledermaus
könnte dieses ICE-Vorhaben stolpern. Zumal sich herauszustellen scheint, dass die Vorarbeit zum
Raumordnungsverfahren gehörige Mängel aufweist. Was auch immer jetzt untersucht werden soll,
hätte im Rahmen der vorherigen Gutachten geschehen können, und diese wurden zu Zeiten
erhoben, in denen die Fledermäuse der MUNA deutlich weniger stressempfindlich gewesen wären.
Anstatt zu verhindern, dass neue Fledermäuse in die Bunker einziehen, hätte man dafür Sorge tragen
müssen, dass diejenigen, die schon auf der MUNA leben, in Ruhe in den Wintermodus umschalten
können. Aber der Bahn geht es um mehr. „Stand up for the climate“, und dafür muss in der Bahn
ureigenster Logik nun mal Wald fallen. Wenn darin streng geschützte Fledermäuse leben, die
möglicherweise nach dem Winter nicht mehr aufstehen, ist das wohl bedauerlich, aber anscheinend
nicht Sorge der Bahn.
Erfüllen sich deren Werkspläne, muss man sich um die Fledermäuse der MUNA so oder so keine
Gedanken mehr machen. Ein Grund mehr, die MUNA (wie auch die anderen beiden Gebiete) in Ruhe
das sein zu lassen, was sie sind: Lebensräume etlicher bedrohter Arten und die beste Klimaanlage der
Region.


Georg Spiegel
Reichswald bleibt e.V., Röthenbach b. St. Wolfgang

Dieser Artikel kann beim meier-Magazin.de – Das Portal der Region nachgelesen werden.

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