Feucht, 8. Mai 2022

Heute hat Dr. Markus Söder den Zeidlermarkt besucht und in einem Statement versichert: „was für Altenfurt galt, gilt auch für hier“.

Der Ministerpräsident durfte auch einen offenen Brief des „Reichswald bleibt e.V.“ entgegennehmen

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Feucht und Röthenbach b. St. W., den 08. Mai 2022

Ein offener Brief an Ministerpräsident Dr. Markus Söder.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

die Bürgerinitiative „Reichswald bleibt“ freut sich, dass Sie sich auch in diesem Jahr die Zeit nehmen, auf dem Feuchter Zeidlermarkt zu erscheinen. Überhaupt freut uns, dass Ihnen, wie es scheint,  nicht nur der Markt selbst viel bedeutet, sondern auch seine Ursprünge. Die wichtige und immer noch lebendige Tradition des Zeidelwesens im Reichswald südöstlich Ihrer Heimatstadt hätte es nie gegeben ohne die Bienen, für deren Schutz Sie sich nach dem Bürgerbegehren vor drei Jahren ganz ausdrücklich eingesetzt haben. Ebenso wenig ohne den Wald.

„Ohne Wald gibt es keine Zukunft. Der Wald ist unsere Hoffnung.“ Sie kennen das Zitat. Es sind Ihre Worte, uneingeschränkt wahr und gesprochen zum  Tag des Baumes bei den Bayerischen Staatsgütern in Grub, verbunden mit der Setzung einer Rotbuche. Die Bedeutung des Waldes für Klima- und Artenschutz, als Wasserspeicher und Luftfilter, in seiner Lärmschutz- und Erholungsfunktion haben Sie längst erkannt und betonten 2019 zurecht, dass aus dem deutschen „Wirtschaftswald“ ein „Klimawald“ werden muss. Taten folgten ebenfalls: 450 Hektar Wald, immerhin, sollen bis 2030 in Bayern neu aufgeforstet werden. Dies befürworten wir ausdrücklich, ermutigen gar zu mehr.

Ein Zehntel der Fläche, die Bayern an neuem Wald erhalten soll, ist jedoch massiv bedroht von einem Infrastrukturprojekt monströser Dimension. Einen kurzen Nachmittagsspaziergang vom Zeidlermarkt entfernt, auf einer von zwei aneinander grenzenden Flächen im Reichswald zwischen Feucht, Röthenbach bei Sankt Wolfgang und Nürnbergs Südosten (oder wahlweise nahe Roth-Harrlach), sollen an die 45 Hektar Wald fallen, um einem Wartungs- und Instandhaltungswerk für die ICEs der Deutschen Bahn zu weichen. Wald, der nicht erst aufgeforstet werden muss, sondern seit Jahrzehnten alle oben genannten Funktionen bestens erfüllt und zudem die grüne Lunge einer Großstadt darstellt, die im deutschen Grünflächen-Ranking traditionell auf hintersten Plätzen zu Hause ist. Sie kennen diese Stadt, Herr Ministerpräsident. Sie sind dort zu Hause.     

Die drei betroffenen Standorte liegen allesamt im gesetzlich streng geschützten Bannwald, wenn sie neben den genannten unverzichtbaren Funktionen auch weitere, individuelle Merkmale aufweisen, welche die Idee eines ICE-Werks dort ad absurdum führen.

Der eine, Harrlach, befindet sich im Trinkwassereinzugsgebiet der Großstadt Fürth.

Der Standort auf der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Feucht, der MUNA, gehört zu Deutschlands am stärksten mit Kampfmitteln kontaminierten Flächen. Ein Teilbereich dieses Gebiets ist der sogenannte „Sarkophag“, in dem große Mengen Senfgas („Lost“) lagern. Er wurde 2009 gegenüber den Grundwasserleitern (zumindest für die kommenden gut 30 Jahre) abgedichtet, bleibt aber weiterhin ein Sanierungsfall, um den sich die Deutsche Bahn nicht kümmern wird. Im Gegenteil: Das ICE-Werk wird sich um diesen Sarkophag herum schmiegen und eine ernsthafte, langfristige Sanierung deutlich erschweren, wenn nicht unmöglich machen. Von dem, was Erschütterungen während des Baus oder laufenden Betriebs eines ICE-Werks für dieses Bauwerk bedeuten könnten, ist hier noch gar nicht die Rede.  

Auch der dritte projektierte Standort südlich der MUNA „schmiegt“ sich eng an diesen Sarkophag. Zudem stellt dieser Bereich ein zentrales Naherholungsgebiet der Feuchter, Wendelsteiner und Nürnberger um den Jägersee dar, welches bei einem Bau des ICE-Werks ebenfalls unwiederbringlich verloren gehen würde. Dieser Bereich, nennen wir ihn Jägersee-Forst, befindet sich im Besitz der Bayerischen Staatsforsten, und für diesen Bereich haben Sie selbst in einem Brief an die CSU Feucht festgestellt, dass die „Umstände ähnlich gelagert“ seien wie beim aufgegebenen Standort Nürnberg-Altenfurt. Hier hatte das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zuvor festgestellt, dass der Bau eines ICE-Werks einen massiven Eingriff in den Bannwald bedeute, der nachhaltig zerstört werden würde. Dies wollten Sie und das Ministerium zurecht verhindern – auch auf dem Standort im Jägersee-Forst.

Was über den Standort Jägersee-Forst gesagt wurde, gilt gleichermaßen für die anderen beiden Standorte – nur, dass diese nicht im Besitz des Freistaats sind, sondern in Privatbesitz (Harrlach) oder unter der Treuhand der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA), also des Bundes (MUNA). Als Ministerpräsident hätte Ihr Wort für den „Klimawald“ und gegen die Vernichtung von Bannwald freilich bei allen Standorten Gewicht.

Dennoch hat die Deutsche Bahn im Februar exakt diese drei genannten Standorte für ein Raumordnungsverfahren bei der Bezirksregierung von Mittelfranken eingereicht. Daher bitten wir Sie, sich hier im Reichswald aktiv für Klimaschutz, Artenvielfalt, Gewässerschutz, Luftreinhaltung und den Erhalt attraktiver Naherholungsräume einzusetzen und sich klar gegen alle drei Standorte zu positionieren. Dieses Werk – das für die Verkehrswende durchaus bedeutend sein mag und gegen das die Bürgerinitiativen vor Ort keineswegs grundsätzlich sind – kann und muss auf bereits versiegelten Flächen errichtet werden, sei es im Nürnberger Hafen oder anderswo.

Sie mögen nun das Argument der Arbeitsplätze ins Feld führen, wie Sie es bei einem Gespräch im „Franken-Fernsehen“ getan haben, wo Sie von „500 hochqualifizierten“ Arbeitsplätzen sprachen. Es sind freilich etwas weniger (etwa 450), und sie sind nicht alle hochqualifiziert. Wir möchten hier nicht falsch verstanden werden. Jeder Arbeitsplatz ist wichtig, unabhängig von der erforderlichen Qualifikation. Nur ist nicht gesagt, dass diese Arbeitsplätze durchwegs aus der Region besetzt werden. Erfahrungen mit der Bahn an anderen Standorten lassen Gegenteiliges vermuten. Die Metropolregion Nürnberg steht überdies in der Arbeitslosenstatistik gut da. Im Nürnberger Land etwa, zu dem auch Feucht gehört, wurde im März 2022 eine Arbeitslosenquote von 2,3 Prozent vermeldet. Das nennt man mitunter Vollbeschäftigung; es herrscht in Teilen Fachkräftemangel. Abgesehen davon, dass man die Bedeutung des Klimaschutzes grundsätzlich nicht mit dem Argument der Arbeitsplätze aushebeln kann – hier erschient dies doppelt unnötig. Zudem dieses Werk ja nicht nur in der Region Arbeitsplätze schaffen würde, sondern überall, wo es gebaut wird. Auch hier liegt uns Kirchturmdenken fern.

Lieber Herr Ministerpräsident, Sie sehen, dass wir Ihr Engagement für den Schutz von Wald und Klima sehr zu schätzen wissen und möchten Sie ermutigen, dies auch dezidiert und vernehmbar gegenüber der Deutschen Bahn zu tun, um die durchwegs unnötige Zerstörung von Bannwald vor Ihrer und unserer Haustür zu verhindern und Nürnbergs grüne Lunge als das zu erhalten, was sie ist.

Mit freundlichen Grüßen,

Reichswald bleibt e.V., Wendelstein-Röthenbach b. St. Wolfgang        

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