Am Ende war der Feiereifer sichtbar. Besser als mit einer Feuershow konnte man ein Ereignis wie die Kundgebung gegen den Bau des ICE-Ausbesserungswerks im Reichswald nicht abschließen. Auch Röthenbach macht der Bahn längst Feuer unterm Triebwerk.

Aber der Reihe nach.

Als sich vor einem Monat Bürgerinnen und Bürger aus Röthenbach bei Sankt Wolfgang zu einer Initiative zusammenschlossen, standen südlich und östlich von Nürnberg noch neun mögliche Standorte für ein Wartungs-, Reinigungs- und Ausbesserungswerk für ICEs zur Debatte. Allesamt denkbar ungeeignet. Kurze Zeit später erlernte irgendjemand bei der Deutschen Bahn anscheinend das Kartenlesen, erkannte, dass fünf dieser Gebiete doch weiter als 15 Kilometer von Nürnberg entfernt lagen und nahm diese wie auch den anfänglich präferierten Bereich bei Altenfurt/ Fischbach aus der Planung.

Übrig bleiben drei Standorte – das Gebiet der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Feucht (Muna), der südlich anschließende Wald nördlich des Jägersees und eine langgezogene Fläche zwischen Harrlach und Pyrbaum/ Allersberg entlang der ICE-Trasse –   und schnell dämmerte den Röthenbacherinnen und Röthenbachern in der Bürgerinitiative „Reichswald bleibt!“, dass sie damit ins Zentrum des Widerstands gegen die Bahnpläne rücken würden. Zwei dieser Gebiete befinden sich in unmittelbarer Nähe zum Dorf, und auch der Harrlacher Standort liegt in Rufweite zur Wendelsteiner Gemeindegrenze. Noch. Sollten die Hupen der ICEs dort erst einmal getestet werden, hätte sich das mit der Rufweite. Besucher der Kundgebung konnten dies als Hörbeispiel in reeller Phonstärke erleben.

Röthenbach wurde aktiv. Man informierte im Internet (www.reichswald-bleibt.de), bei Treffåçen und an Ständen, wurde mehrmals beim Bürgermeister und beim Gemeinderat  vorstellig, nahm an Kundgebungen in Harrlach und der Feuchter Waldsiedlung  teil, überzeugte die Fridays-for-Future-Gemeinde und begleitete den Nürnberger Klimastreik hör- und sichtbar, machte sich beim CSU-Parteitag am Messezentrum bemerkbar – und stellte die Kundgebung am 02. Oktober auf die Beine. 

Der Ort könnte nicht passender sein. Was dem Schotterplatz zwischen Tankstelle und Lagerhallen im Gewerbegebiet an pastoraler Idylle fehlen mag, macht er an Symbolkraft wieder wett. Er liegt direkt an der Autobahn A73 – einer von drei Autobahnen, welche Röthenbach verlässlich mit stetem Grundrauschen bedröhnen, was schon ohne ICE-Werk genug Lärmbelastung bedeutet. Jenseits dieser und in Sichtweite des Rednerpults schließt sich aber jenes zusammenhängende Stück Reichswald an, das von der Deutschen Bahn mit ’südlich Muna‘ etikettiert wurde. Beinahe, als wär es nicht weiter schade darum. Sagt man ‚Wald beim Jägersee‘ dazu, klingt das schon ganz anders.    

Sechs Redner verdeutlichten gut 400 Zuhörern auf dieser Kundgebung, die von den Bürgerinitiativen aus Feucht und Harrlach mit Bannern und aktiver Teilnahme unterstützt wurde, warum keiner der drei Standorte für das ICE-Werk in Frage kommen darf, und das aus einer Reihe von Gründen, von denen jeder einzelne schon ein Ausschlusskriterium für sich ist.

Timo Konopka vom Bund Naturschutz und die Grüne Landtagsabgeordnete Dr. Sabine Weigand veranschaulichten nicht nur die singuläre Stellung und Bedeutung des Bannwalds um Nürnberg für den Klima- und Emissionsschutz, für den Wasserhaushalt und als Arche vieler seltener Arten. Der Reichswald muss darüber hinaus seit Jahrzehnten gegen vermeintlich übergeordnete Interessen verteidigt werden, gegen Panzerübungsplätze, Sandabbau, Deponien, Gewerbegebiete, Straßenspangen oder auch den 1979 geplanten Rangierbahnhof bei Wendelstein. Die Argumente gegen diese Projekte waren damals überwältigend, und sie haben sich nicht geändert. Dieser Wald ist von Wert. Belegbar, aber nicht bezahlbar.

Dem Thema einer vermeintlichen ‚Entgiftung‘ der Muna widmet sich Herbert Fahrnbauer schon lange, weshalb er in Röthenbach nicht zum ersten Mal offenlegte, warum diese auch unter hohem finanziellen Aufwand nicht möglich ist, und schon gar nicht bis zu einem projektierten Termin der Inbetriebnahme des ICE-Werks im Jahr 2028. Dabei betonen er und Inge Jabs von der Bürgerinitiative aus der Feuchter Waldsiedlung, dass eine Rodung des teils seit 70 Jahren ungestört wachsenden und deshalb für die Region besonders artenreichen Muna-Waldes auch dann Irrsinn wäre. Man schafft keine klimafreundliche Verkehrswende, indem man das zerstört, was das Klima mehr schützt als alles andere. Auch keine 45 Hektar davon.

Oder doch 150? Oder mehr?

Hier bleibt die Bahn sehr im Vagen – und dies entspricht ihrer grundsätzlichen Informationspolitik, wie Dr. Monika Maier-Peuschel von der Mimberger Bürgerinitiative betont. Ein Unternehmen mit einem solchen gesellschaftlichen Auftrag muss transparenter arbeiten und informieren, wenngleich niemand die Notwendigkeit einer ökologischen Verkehrswende und die Rolle der Bahn in ihr bestreitet. 

Dies stellte besonders der Wendelsteiner Bürgermeister Werner Langhans heraus, der zwar erstmals auf einer Kundgebung dieser Art auftrat, aber dafür umso deutlicher von der Deutschen Bahn forderte, Klartext zu reden, exakt zu informieren und sich auf eine nachvollziehbare und transparente Suche nach wirklich geeigneten Standorten zu machen. Die drei im ‚Angebot‘ sind es nicht, und die Zeit drängt – man plant mit der Eröffnung des Raumordnungsverfahrens noch im Herbst. Der Protest werde daher in den ‚gallischen Dörfern‘ entlang der ICE-Strecke nicht abschwellen, so der Sprecher der Harrlacher Bürgerinitiative, Dr. Jürgen Amrhein, in seinem Schlussappell. 

Gelegenheit zu Protest seitens der Bürgerinnen und Bürger, aber auch zu ernstgemeinter Aufklärung seitens der Deutschen Bahn soll ein Bürgerdialog mit dem Unternehmen am Mittwoch, dem 20. Oktober in der Röthenbacher Schwarzachhalle geben. 

Die Bahn soll auch zu diesem Termin feststellen, wie sehr die Besucher der Kundgebung für den Erhalt des Bannwalds brennen – und zwar nicht nur ‚ihres‘ Waldes, sondern des Waldes der ganzen Region. Der Heilige Sankt Florian nämlich war an diesem Tag nur als Schutzpatron bei der Feuershow anwesend. Das St.-Florians- Prinzip hingegen spielte für die Röthenbacher, Feuchter und Harrlacher nie eine Rolle.   

Georg Spiegel

für die Bürgerinitiative Röthenbach – „Reichswald bleibt“          

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