Rund um Nürnberg wird ein Standort für ein neues ICE-Werk gesucht. In der engeren Wahl ist auch das Muna-Gelände in Feucht. Ein Gelände mit explosiver Vergangenheit, denn hier lagert alte Munition. Die Gemeinde weiß nicht, wie gefährlich diese ist.

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21.09.2021, 05:14 Uhr

Der Zaun rund um das Gelände ist mehr als zwei Meter hoch. Die Tore an den Feldwegen sind mit massiven Ketten versperrt. „Betreten verboten“, „Lebensgefahr“: Große Schilder warnen vor gefährlichen Munitionsresten und Altlasten im Boden. Gut 200 Hektar groß ist die Fläche der ehemaligen Munitionsanstalt, kurz Muna, mitten im Bannwald bei Feucht. Hinter dem Zaun sollen auch Giftgas-Granaten vergraben sein. Davon wird jedenfalls in der Gemeinde erzählt. Derzeit wieder häufiger, seit die Muna in die engere Wahl als Standort für das neue ICE-Werk im Großraum Nürnberg gekommen ist. 

Gemeinde hat keine Informationen über Giftstoffe

Doch Feuchts parteiloser Bürgermeister Jörg Kotzur hat keine exakten Informationen dazu, was in der Muna alles vergraben ist. Er weiß, dass viel Munition im Boden gefunden wurde, als in den 1990er-Jahren nördlich der Muna ein Gewerbegebiet entstand. „Aber es natürlich schwierig zu sagen, was auf dem Muna-Gelände wirklich im Detail drin liegt“, sagt er.

Kritik an Bundesbehörde 

Der Bürgermeister beklagt, dass die Informationen spärlich fließen. Zuständig für das Muna-Areal ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, kurz BImA. „Der Informationsfluss von der Bundesbehörde zu uns ist nicht ausreichend“, sagt Kotzur. Dabei ist die Gemeinde Feucht für die Sicherheit auf dem Gelände verantwortlich. Wenn es dort beispielsweise im Wald brennen würde, könnte die Feuerwehr nicht anfahren, weil die Gefahr durch Blindgänger zu groß sei, erläutert der Bürgermeister.

20.000 Tonnen Munition explodierten 

Die alte Munition ist großflächig über das Gelände verteilt. Im zweiten Weltkrieg wurde in der Muna Munition hergestellt. Nach dem Krieg lagerte die US-Armee hier alte Bomben, Blindgänger und Granaten, die sie in der gesamten Region eingesammelt hatte. 1946 kam es zu einem Brand. Ein Zug explodierte und die gesamte Anlage mit mehr als 20.000 Tonnen dort gelagerter Munition ging in die Luft. Das hatte zur Folge, dass sich die Munition großflächig verteilte. Das zeigte sich bei oberflächlichen Räumungen in den 1990er-Jahren, als der Bund das Gelände von den Amerikanern übernahm. Überall fand der Kampfmittel-Räumdienst verrostete Munition. 

Zutritt nur mit Begleitschutz

Deshalb darf man die Muna heute nur zusammen mit den Förstern des Bundesforstbetriebs betreten. Sie begleiten auch das BR-Team zum sogenannten Schadstoff-Hotspot auf dem Gelände – alte Bomben- und Sprengtrichter, die mit Kampfmitteln und deren Resten verfüllt sind. Es ist ein sechs Hektar großer Hügel, unter dem die Schadstoffe liegen. Er ist nach unten abgedichtet durch eine Lehmschicht. Spundwände, Folien und eine dicke Erdschicht schließen das „Sicherungsbauwerk zur Einkapselung der Schadstoffhotspots“ ein. So steht es in der schriftlichen Antwort auf die Anfrage des BR. 

Keine Hinweise auf chemische Kampfstoffe

Untersuchungen hätten keine Hinweise auf chemische Kampfstoffe gegeben, heißt es in dem Schreiben weiter, „typische, auf Kampfstoffmunition hindeutende Kampfmittelreste wurden bei den Testfeldräumungen nicht gefunden“. Kurz zusammengefasst: kein Giftgas. Das Grundwasser werde seit 21 Jahren regelmäßig untersucht. „Die Ergebnisse des Grundwassermonitorings […] zeigen weiterhin die Wirksamkeit der Sanierungsmaßnahmen“, so die BImA. Die Kontrolle des Grundwassers finde weiterhin statt. 

Komplett-Sanierung der Muna nicht geplant

In den vergangenen 70 Jahren hat sich die Natur das Muna-Gelände zurückerobert. Weitgehend ungestört hat sich wertvoller Waldbestandentwickelt. Nur nach Sturmschäden oder bei einem Befall mit Borkenkäfern greifen die Forstleute ein. Es gibt Weiher und Brachflächen, dichtes Gestrüpp und Totholz, das im Wald liegen bleibt. Die BImA plant nicht, das Gelände komplett von den Rüstungs-Altlasten zu räumen: „Hierfür müssten der Baumbestand auf etwa 200 Hektar vollständig gerodet und der Untergrund bis in mehrere Meter Tiefe Boden umgegraben werden.“ 

Gemeinde will Gelände weiterhin absperren

Auch die Marktgemeinde Feucht will diese Naturlandschaft erhalten. „Durch das Betretungsverbot ist die Natur sehr gut gewachsen“, sagt Bürgermeister Kotzur. „Wenn die Sicherheitslage gegeben ist, werden wir da auch keine Maßnahmen ergreifen müssen.“ Das heißt: Für den Markt Feucht ist das Muna-Gelände tabu. Für die Gemeinde kommt es weder für das geplante ICE-Werk noch für eine andere Nutzung in Frage. Voraussetzung ist aber, sagt der Bürgermeister, dass von der Muna und ihrer explosiven Vergangenheit keine Gefahren mehr ausgehen.

Bahn will Standort weiter prüfen

Was die Bahn angeht: Noch ist nichts entschieden. Erst vor kurzem hatte das Unternehmen drei favorisierte, mögliche Standorte ausgegeben – einer davon eben die Muna in Feucht. Diese Standorte sollen laut Bahn bis zum Jahresende weiter untersucht werden. Parallel solle die Bürgerbeteiligung „intensiviert und vertieft werden“, so DB-Projektleiter Carsten Burmeister bei einer Pressekonferenz. Erst danach solle das Raumordnungsverfahren für das ICE-Werk beginnen, das nach den Plänen der Bahn 2028 in Betrieb gehen soll.

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Das ehemalige Muna-Gelände in Feucht ist ein möglicher Standort für das neue ICE-Werk. Doch welche Stoffe lagern auf dem Gelände der ehemaligen Munitionsanstalt?

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